Die Kölnische Rundschau berichtet vom
Politikunterricht am SGS:
Behindert ist nicht unnormal
Sofia Plich gab im Städtischen Gymnasium ganz besonderen Anschauungsunterricht
von GUDRUN KLINKHAMMER
SCHLEIDEN."Aaahhhh..." schreit ein Mädchen noch kurz und fällt dann
vom Schwebebalken. Statt wie gewohnt mit zwei ausgestreckten Armen über
das Holz balancieren zu dürfen, hatte das Mädchen der 6 b des
Städtischen Gymnasiums in Schleiden (SGS) die Aufgabe, mit auf dem
Rücken verschränkten Armen zu balancieren. Der schnelle Abgang war
vorprogrammiert. Unter der Überschrift "Behinderte Menschen - Menschen
wie wir" beschäftigten sich rund 35 Schüler der 6 b im
Politikunterricht am Städtischen Gymnasium mit der Frage, was es heißt,
als "behindert" zu gelten und mit diesem "Zusatz" zu leben.
Die Idee zu solch einer Unterrichtsstunde stammt von der in Gemünd
lebenden Sozialpädagogin Sofia Plich. In Kooperation mit
SGS-Politiklehrerin Dr. Konstanze Jablonowski bot Sofia Plich erstmals
ihr Angebot einer Schulklasse an.
Sofia Plich wurde 1962 in Hildesheim als eines von Tausenden durch
das Arzneimittel Contergan geschädigten Kinder geboren. Nach dem
Fachabitur studierte die junge Frau Sozialpädagogik und Sozialarbeit
und arbeitete danach zunächst ehrenamtlich im Organisationsteam eines
Behinderten-Kultur-Festivals in Hannover. Später wechselte sie als
hauptamtliche Mitarbeiterin zum Sozialamt nach Hilden. Als Hobby nimmt
sie klassische Gesangsstunden. In die Eifel kam Sofia Plich vor knapp
zwei Jahren. Als freie Journalistin schreibt sie für zwei
Fachzeitschriften, zudem möchte sie aktiv "Diskriminierungsprävention"
betreiben. Daher bietet sie besonders Schulen, Kindergärten und
weiteren sozialen Einrichtungen ihr Konzept an. Sofia Plich erfuhr im
Laufe ihres Lebens: "Schlimm ist die Reaktion von Erwachsenen, wenn
diese zu ihren Kindern sagen: ,Die ist krank´ oder ,schau da nicht
hin´. Besser ist, die Kinder fragen zu lassen. Und alle Kinder sind in
der Regel zunächst ohne Vorurteile, mit einer gesunden Neugierde
ausgestattet und neutral."
In einer speziell ausgearbeiteten Unterrichtsstunde möchte Sofia
Plich ihren Mitmenschen die Hemmnisse nehmen, mit anders aussehenden
Menschen umzugehen. Zunächst finden sich die Teilnehmer in einer
Gesprächsrunde zusammen und tauschen Erlebtes aus. Erstaunlich, mit
welchen Erfahrungen die Schüler aufwarten konnten. Ein Junge holte
beispielsweise seinen rechten Fuß auf seinen Schoß und begann, den Fuß
zu drehen. Erstaunlich knackende Geräusche wurden hörbar. "Ich habe ein
paar Knochen zu viel, das ist nicht normal", berichtete der Junge
seinen staunenden Mitschülern. Ein Mädchen berichtete von einer
Urlaubsbekanntschaft mit einem fast blinden Kind, wieder ein anderer
Schüler war eine Zeit lang halbseitig gelähmt.
Nach dem direkten Erfahrungsaustausch baten Sofia Plich und Dr.
Konstanze Jablonowski die Schüler, sechs verschiedene Aufgaben zu
lösen. "Ich möchte nicht nur trocken über die Probleme reden, sondern
möglichst lebensnah die Gegebenheiten vermitteln." An einem Tisch
sollten die Kinder schreiben - allerdings ohne dabei ihren Daumen zu
benutzen. An einem anderen Punkt des Parcours musste ein Schüler einem
anderen eine Jacke anziehen, ohne dass sich der Anzuziehende bewegen
oder mithelfen durfte. Mit verbundenen Augen oder hinter dem Rücken
verschränkten Armen zu balancieren waren weitere Aufgaben. "Schon
komisch, wenn man sich nicht bewegen darf und jemand anderes zieht
einen an", sagte eine Schülerin grübelnd.
Relativ schnell hatten die Kinder den Dreh raus, ohne Daumen zu
schreiben, obwohl die Handschrift nicht mehr in die Rubrik "sehr
leserlich" einzuordnen war. Zum Schluss der für die Schüler sehr
aufschlussreichen Stunde zeigte Sofia Plich allen Teilnehmern noch ihr
hoch technisiertes, da auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenes Auto. Als
sehr empfehlenswert und den Horizont wesentlich erweiternd stufte die
Politiklehrerin diese Art von Anschauungsunterricht ein. Ein ganz
lieber Dankesbrief nahm den Weg von Schleiden nach Gemünd.

Bild 1: Wie fühlt sich eigentlich "behindert" an?
Bild 2: Mit etwas mulmigen Gefühl ließen sich die Schleidener Schüler "blind" über einen Schwebebalken führen.
(Zum Vergrößern bitte jeweils ins Bild klicken)
(Fotos: Klinkhammer) / Alle Rechte vorbehalten - © Redaktionsarchiv MDS
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